DER CHINESISCHE E-AUTO-HERSTELLER BYD HAT EINEN WEG GEFUNDEN, UM EUROPäISCHE STRAFZöLLE ZU UMGEHEN – DIE TüRKEI SPIELT DABEI EINE SCHLüSSELROLLE

Zum ersten Mal seit 27 Jahren baut ein ausländischer Autokonzern in der Türkei ein neues Werk. Der chinesische Produzent von Elektrofahrzeugen BYD hat diese Woche mit dem türkischen Industrieministerium eine Vereinbarung über eine Investition in der Grössenordnung von einer Milliarde Dollar unterzeichnet.

Laut dem Minister Mehmet Fatih Kacir soll die neue Fertigungsstätte eine Jahreskapazität von 150 000 Fahrzeugen haben und 5000 Arbeitsplätze schaffen. Geplanter Produktionsbeginn ist Ende 2026.

Export nach Europa

BYD, der weltweit grösste Hersteller von Elektrofahrzeugen, drängt mit einiger Aggressivität in den europäischen Markt, was nicht zuletzt an der grossen Werbepräsenz bei der Fussball-EM zu sehen ist. Das geplante Werk in der Türkei kann dazu einen Beitrag leisten.

Die EU hat Strafzölle gegen E-Autos aus China erhoben, um Wettbewerbsvorteile durch chinesische Subventionen auszugleichen. Für Autos, die in der Türkei gefertigt werden, gilt das wegen des Zollabkommens mit der EU nicht.

Der Leiter des Europageschäfts von BYD sagte kürzlich gegenüber der «Financial Times», Autos von China nach Europa zu bringen, sei keine langfristige Lösung. Die Zukunft liege in der Produktion vor Ort. Auch in Ungarn baut BYD ein Werk.

Neben dem Export nach Europa ist die Türkei für das chinesische Unternehmen aber auch als Markt interessant. 2023 hat sich der Verkauf von Elektrofahrzeugen hierzulande im Vergleich zum Vorjahr auf fast 70 000 Stück verachtfacht.

Ersehnte Erfolgsmeldung

Für die Türkei ist die chinesische Investitionszusage auf vielen Ebenen Wasser auf die eigenen Mühlen. Es ist unter hier tätigen internationalen Firmen zwar unbestritten, dass das Schwellenland am Bosporus ein attraktiver Standort ist und über grosses Potenzial verfügt. Den breiten Blick auf die hiesige Wirtschaft prägen aber negative Schlagzeilen, vor allem über die viel zu hohe Inflation. Im Juni lag der Wert bei 71,6 Prozent.

Seit der wirtschaftspolitischen Kehrtwende unter dem neuen Finanzminister Mehmet Simsek, die unter anderem einen drastischen Zinsanstieg herbeiführte, ist man aktiv bemüht, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Nach Jahren geldpolitischer Experimente ist die Türkei dringend auf ausländische Investitionen angewiesen.

Neben der jungen und dynamischen Bevölkerung und dem grossen Heimmarkt setzt man dabei auch auf die geografische Brückenlage zwischen Asien und Europa.

Anfangs stand das sogenannte Near-Shoring im Fokus: die Strategie westlicher Firmen, durch Produktionsstätten in geringerer Distanz zum Mutterhaus die Abhängigkeit von China zu verringern. Das Beispiel BYD zeigt, dass die Türkei aber auch für den gewissermassen gegenteiligen Trend attraktiv ist: die Expansion chinesischer Firmen nach Europa.

Erdogan hält sich mit Kritik an China zurück

Dass ein Autokonzern eine spektakuläre Grossinvestition in der Türkei tätigt, ist für die hiesige Standortförderung besonders befriedigend. Im Oktober 2019 legte Volkswagen die Pläne für den Bau eines Werks in Manisa auf Eis. Begründet wurde der Schritt mit der Militärintervention in Syrien, für die Ankara im Westen heftig kritisiert wurde.

Später stoppte Volkswagen das Vorhaben ganz. Obwohl dabei auch betriebliche Gründe ausschlaggebend waren, galt die Episode als Paradebeispiel dafür, wie Erdogans Konfrontationskurs gegenüber den westlichen Partnern auch ökonomische Folgen zeitigen kann.

Vor diesem Hintergrund fällt auf, dass Ankara um ein möglichst reibungsloses Verhältnis zu China bemüht ist. Die Türkei war lange Zeit die vehementeste Kritikerin von Pekings Uiguren-Politik. Die Solidarität mit anderen Turkvölkern ist besonders im nationalistischen Milieu der Türkei sehr gross. Seit einigen Jahren äussert sich Erdogan aber kaum mehr zu dem Thema.

Das Werk von BYD wird aller Voraussicht nach auf dem Gelände gebaut, das für Volkswagen in Manisa vorgesehen war, einer Industriestadt im Westen des Landes. Für den Standort spricht unter anderem die Nähe zum Hafen von Izmir. Das Zentrum der türkischen Automobilindustrie befindet sich etwas weiter nördlich in der Marmararegion, vor allem im Umland von Bursa. In der Türkei werden jährlich etwa 1,5 Millionen Fahrzeuge hergestellt.

Türkei baut selber Elektrofahrzeuge

Ankara erhofft sich von der Ansiedlung des chinesischen Branchenführers auch technologische Impulse. Präsident Erdogan strebt für sein Land die Rolle eines unabhängigen Machtpols an, der selber gestaltet und nicht auf andere Rücksicht nehmen muss. Der Aufbau lokaler Kompetenzen in Zukunftstechnologien ist ein Bestandteil dieser Strategie.

Besonders erfolgreich ist die Entwicklung einer eigenen Drohnenindustrie. Aber auch bei der Elektromobilität will man nicht den Anschluss verpassen. Seit 2022 stellt das türkische Unternehmen Togg, an dem auch der Staat beteiligt ist, in Serienproduktion einheimische Elektroautos her.

Dass nun ein deutlich wettbewerbsfähigerer Konkurrent ins Land geholt wird, mag etwas widersprüchlich wirken. Schliesslich hat die Türkei erst vor einigen Wochen Zölle von 40 Prozent auf alle chinesischen Autos eingeführt.

Allerdings bestand damals schon eine Klausel, dass die Regelung nicht für Hersteller gilt, die in der Türkei produzieren. Vor einigen Tagen erklärte zudem ein hoher Vertreter von Erdogans AK-Partei, dass Togg mit der chinesischen Guangzhou Automobile Group Co. (GAC) Gespräche über ein Joint Venture führe. Das Werk von BYD wiederum wird auch eine Forschungsabteilung umfassen.

Vorerst soll also die Technologie ins Land geholt werden, und dies nicht nur aus China. Bei einem Treffen im September schlug Erdogan dem Unternehmer Elon Musk vor, eine Tesla-Fabrik in der Türkei zu bauen. Die beiden Männer kennen sich gut. Musks Raumfahrtunternehmen Space X hat schon mehrere türkische Satelliten ins All transportiert. Der letzte Start war am Montag.

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